Mysterium Lunae - Vom Geheimnis des Mondes
(Diakon Jörg Lange) In lauen Sommernächten lohnt manchmal ein Blick nach oben. Wenn die Dämmerung langsam weicht und die Sterne sichtbar werden, steht er oft schon da: der Mond. Mal als schmale Sichel, mal als leuchtende Scheibe. In diesen Tagen auch als „Erdbeer-Mond“. Vertraut und doch geheimnisvoll.

Die frühen Christen sahen im Mond mehr als einen Himmelskörper. Kirchenväter wie Ambrosius von Mailand (* 339 in Trier; + 397 in Mailand) und später Augustinus (* 354 in Tagaste; + 430 in Hippo Regius) deuteten den Mond als Bild des christlichen Glaubens und der Kirche. Sie nannten ihn Mysterium Lunae - Geheimnis des Mondes. Denn der Mond besitzt kein eigenes Licht. Er empfängt seinen Glanz von der Sonne und gibt ihn in die Dunkelheit weiter. Gerade darin erkannten sie ein Bild des christlichen Glaubens.

Im Johannes-Evangelium (Johannes 8,12) sagt Jesus: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Das Licht geht von Christus aus. Er ist nicht einer unter vielen Lichtquellen, sondern Ursprung allen Lebens und aller Hoffnung. Der Glaube lebt deshalb nicht aus eigener Kraft. Er lebt von Christus, der Licht und Orientierung schenkt.
Von hier aus erhält ein weiterer Satz Jesu sein besonderes Gewicht. In der Bergpredigt (Matthäus 5,14) sagt Jesus: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Ist Christus das Licht - oder sind wir es?
Die frühen Christen hätten wohl geantwortet: beides, aber nicht in derselben Weise. Christus ist wie die Sonne. Die Kirche und jeder einzelne Christ gleichen dem Mond. Sie leuchten nicht aus sich selbst. Ihr Licht ist empfangenes Licht. Wo Menschen Liebe weitergeben, Versöhnung suchen, Hoffnung bewahren oder anderen beistehen, spiegeln sie etwas von dem Licht wider, das sie selbst empfangen haben.
Das ist eine befreiende Einsicht. Unsere Zeit verlangt oft, dass Menschen sich selbst verwirklichen, sich behaupten und möglichst hell strahlen. Der christliche Glaube erzählt eine andere Geschichte. Niemand muss seine eigene Sonne sein. Niemand muss aus eigener Kraft die Dunkelheit besiegen. Wer alles aus sich selbst hervorbringen will, wird irgendwann an Grenzen stoßen.
Der Mond kennt diese Grenzen. Er nimmt zu und ab. Manchmal ist er kaum sichtbar, dann wieder erfüllt er den ganzen Himmel mit seinem sanften Licht. Doch seine Würde hängt nicht davon ab, wie hell er gerade scheint.
Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis des Mysterium Lunae. Christlicher Glaube verweist nicht auf sich selbst, sondern auf Christus. Er lebt von seinem Licht und gibt es weiter. Mehr muss er nicht leisten. Aber auch nicht weniger.
Vielleicht ist dies der Grund, warum Matthias Claudius sein berühmtes Lied „Der Mond ist aufgegangen“ mit der schlichten Bitte beschließt: „... und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbar auch!“ Der Blick zum Himmel endet nicht beim Mond und den Sternen. Er führt zurück zu den Menschen.
Wenn wir also in diesen Juli-Tagen am Abend noch einmal vor die Tür treten und zum Mond hinaufschauen, erinnern wir uns vielleicht an diese frühe christliche Weisheit: Wir müssen nicht selbst die Sonne sein. Es genügt, das Licht weiterzugeben, das uns in Christus geschenkt ist.
Mysterium Lunae - Spiegel des Lichtes





