Saat und Ernte
(Pfarrerin Katharina Baumann-Schulz) Ein wenig skeptisch war ich schon, als ein Bauer unserer Gemeinde im Frühjahr vor unserem Haus und auf der Kirchwiese mit Trecker und Egge den Rasen umpflügte und danach einfach Saatgut auf die aufgerissen Erde streute… - „Kann das gut gehen ohne Festtrampeln der Samen im Boden, ohne zusätzliches Gießen der aufgerissenen Erde, was wird wohl wirklich aufgehen von dem Saatgut für die erhoffte Blühwiese?!“, dachte ich. Jetzt im Hochsommer sehe ich erfreut: Die meisten Samen sind aufgegangen. Die Blühstreifen um Kirche und Pfarrhaus leuchteten im Juni gelb, inzwischen überwiegt das Blau von Kornblumen und anderen; die Sonnenblumen brauchen noch etwas, bis sie aufblühen werden. Aber in jedem Fall summt und brummt‘s bei gutem Wetter von Bienen und Hummeln in den angelegten Blühstreifen rund um die Kirche. Und wir haben wieder mehr Schmetterlinge im Garten. Während also die Weizenfelder derzeit zu Stoppelfeldern werden, werden wir noch im Herbst Freude an den im Frühjahr gesäten Blumen haben.
Der wichtigste Ort der Welt soll in Spitzbergen liegen – ganz oben in Norwegen. Es ist vielleicht deshalb der „wichtigste Ort“, weil dort Saatgut aus aller Welt gesammelt wird. Schon seit fast zwanzig Jahren. Dieser Saatgut-Tresor im ewigen Eis ist so faszinierend friedlich. Denn da sind Saatkörner aus Nordkorea neben denen aus Südkorea eingelagert, und fast alle Länder der Welt haben schon Saatgutproben ihrer wertvollen Getreide-, Obst- oder Gemüsesorten dort hingebracht.
Das alles für den Fall, dass einmal ganze Kontinente zerstört werden, oder die Erde für lange Zeit unbewohnbar ist. Dann sollen unsere Nachfahren wieder an Saatgut gelangen können. Zumindest darin scheinen wir Weltbewohner uns einig zu sein: dass sich auch nach den schlimmsten Katastrophen ein Neuanfang lohnt.
Aber es reicht nicht, nur das Saatgut aufzubewahren, es braucht noch mehr. Eine Geschichte aus „Andere Zeiten“ bringt dies anschaulich zum Ausdruck. Sie ist für mich genauso hoffnungsvoll und stark wie dieser Saatgutspeicher in Spitzbergen. Die Geschichte geht so:
Da träumt einer eines Nachts, er sei in einen ganz besonderen Laden gegangen. In diesem Laden steht hinter der Theke ein Engel. Hastig fragt der Mann ihn: „Was verkaufen Sie?“ Darauf der Engel: „Alles, was Sie wollen!“ Der junge Mann beginnt aufzuzählen: „Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege, Brot für die Hungrigen, Heilung für die Kranken, Trost für die Trauernden, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Liebe in der Welt! Und.. und… und…“ Da fällt ihm der Engel ins Wort: „Entschuldigen Sie, ich habe mich wohl falsch ausgedrückt. Bei mir gibt es keine Früchte, bei mir gibt es nur die Samen.“
Das eine ist es also, das Saatgut zu sammeln, nach jeder Ernte auch Samen zu behalten und nicht einfach weiter zu verarbeiten. Das andere aber ist umso wichtiger, Samen erneut zu säen, wie der Sämann aus dem bekannten Gleichnis Jesu. Dieser verstreut seine Samen einfach überall: auf die Trampelpfade, sogar in die Dornen, auf felsigen Grund und auf gute Muttererde. Der Sämann vertraut darauf, dass hundertfach Frucht entsteht. Mit der Liebe unter uns Menschen ist das übrigens genauso wie mit den geteilten Samen für Ernte und Saatgut. Liebe wächst, wenn man sie teilt.





