Zum Hauptinhalt springen

Innehalten

| Teaser

(Pfarrer i.R. Rolf Stieber) Der November ist ein Monat mit vielen Tagen, die uns mit Erinnerungen konfrontieren: Allerheiligen ist schon vorbei, am 9. November erinnern wir uns an die Gewalt gegen jüdische Menschen und die Zerstörung ihrer Synagogen im Jahr 1938 sowie an den Fall der innerdeutschen Mauer im Jahr 1989; am 15. November gedenken wir am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewalt, am 18. November ist Buß- und Bettag und am 22. November folgt Totensonntag.

Diese Tage haben, weil sie Zeit zum Erinnern und Gedenken bieten, eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft: sie fordern uns auf, innezuhalten und nicht blind oder von Ängsten getrieben nach vorne zu laufen. Die Tage stellen aber auch Herausforderungen für den christlichen Glauben dar, weil sie das Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Liebe konfrontieren mit Unrecht, Gewalt, Krieg und tiefer Trauer.

Und keineswegs hat der Glaube auf alles eine Antwort parat! Die Fragen der Menschen, die tief getroffen sind von Leid, Missbrauch, Not und Gewalt bleiben oft unbeantwortet, ihre Tränen ungetrocknet, und der Glaube ist weder ein Pflaster für ihre Wunden noch eine Arznei gegen ihren Schmerz.

Im Gegenteil: Im Blick auf die von Gewalt und Unrecht betroffenen Menschen sind fromme Worte vom Sinn und Segen des Leidens fehl am Platz; da können wir nur Unsinn und Unheil erkennen, und unser Protest – auch der Protest gegen Gott – wird durch keine Antwort gestillt. Die Herausforderung für den Glauben besteht darin, den Kummer und das Elend auszuhalten, mitzutragen, statt vorschnell Antworten zu präsentieren.

Die Bibel erzählt von Hiob, der alles verliert, was ihm wichtig und lieb ist, den eine „Hiobsbotschaft“ nach der anderen trifft. Drei Freunde besuchen ihn, und von ihnen heißt es: „Sie saßen mit ihrem Freund Hiob auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr groß war.“ (Hiob, 2,13).

Was für eine Geste der Solidarität: den großen Schmerz mit aushalten, ihn sich nicht mit frommen Worten vom Hals halten. Nicht schon vorher wissen, was tröstet, sondern schweigend-solidarisch mitverstummen und das Leid ermessen, das diesen Menschen getroffen hat. Mit den Trauernden trauern, mit den Weinenden weinen.

Die Gedenktage im November laden genau dazu ein und sind eine wichtige Vorbereitung auf die dann folgende Adventszeit. Sie beschreiben die Realität unseres menschlichen Lebens, in die dann Gott selbst hineinkommt mit einem Licht der Hoffnung. Ich wünsche Ihnen den Mut und die Kraft, diese Novembertage an sich heranzulassen.

 

<< Zurück

Aktuelle Termine und Veranstaltungen