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Geschenkte Zeit

| Glaube

(Pfarrerin Katharina Baumann-Schulz) Morgen ist es wieder so weit. Am letzten Sonntag im Oktober wird die Uhr eine Stunde zurück gedreht und es beginnt die Winterzeit. Herrlich, ganz anders als im Frühjahr genieße ich die Zeitumstellung im Herbst, diese geschenkte Stunde, wenn die Uhr zurückgedreht wird. Der Tag fängt viel entspannter an, schon beim Aufwachen: Ach wie gut, ich hab ja noch Zeit. Auch das frühe Aufstehen am ersten Schultag nach den Herbstferien wird abgemildert. 

Mir wird besonders im Herbst immer bewusst, dass eigentlich jede Stunde im Leben geschenkte Zeit ist. Und das ist für mich mit der Frage verbunden: Was fange ich an mit dieser geschenkten Zeit? Die Natur macht uns es vor: Vorgestern noch stand unsere Linde mit vielen gelben Blättern leuchtend in der Sonne - ein wunderbares Bild. Und dann kam der Sturm, und einen Tag später ist sie fast kahl; das ist äußerst sichtbare Vorsorge. Der Baum hat vorgesorgt. Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, erhalten die Laubbäume Signale, sich auf den Winter vorzubereiten. Dies führt zum Abbau des Chlorophylls, wodurch nun die verborgenen Pigmente in den Blättern zum Vorschein kommen. Diese Vorsorge ist gleichzeitig auch ein Naturschauspiel. 

Ich liebe diese Veränderung im Herbst, wenn die Bäume das Chlorophyll aus den Blättern ziehen, um Kraft für den Winter zu sammeln, und die Blätter sich hierdurch kunterbunt verfärben: gelb, rot und braun; sie erfüllen diese Aufgabe für das große Ganze, nämlich den Baum zu ernähren, und  fallen schließlich im Tanz mit dem Wind am Ende sacht zur Erde. Als Kind hatte ich manchmal Angst, dass die kahlen Bäume kahl bleiben. Die nassen schwarzen Stämme der hohen Buchen in unserem Pfarrgarten sahen im Winter für meinen Geschmack sehr trostlos aus. Aber alles hat seine Zeit. Und im Frühjahr treiben auch die ältesten Bäume neue Triebe. Im Epheserbrief heißt es (Eph. 5,16): „Nutzt die gegeben Zeit, denn die Tage sind böse“. 

So wie der Herbst und Winter für die Bäume herausfordernde Zeiten sind, so gibt es für uns Menschen herausfordernde Zeiten: die Krisenzeiten, wo der Frieden bedroht oder der Krieg schon Alltag geworden ist. Wir leben in Zeiten des Klimawandels, wo es darum geht, die Ressourcen nicht sinnlos zu verschwenden, sondern so wie die Bäume einen ausgewogenen Kreislauf zu haben zwischen Energiegewinnung, Ruhezeiten und neu entstehender Energie. Auch hier können wir von den Bäumen lernen: bei ihnen sorgen Alt und Jung füreinander. Die Zeitumstellung kann uns symbolisch daran erinnern, dass auch unsere geistlichen Uhren eine Anpassung benötigen könnten. Nehmen wir die Signale wahr, die Gott uns sendet? „Nutzt die gegeben Zeit, denn die Tage sind böse“, mahnt der Schreiber des Epheserbriefes. Vielleicht ist es Zeit, alte Gewohnheiten zu überdenken, sich neu zu orientieren und Prioritäten zu setzen, die unserem Glauben und unserem Wachstum dienen. Wie gut, dass Gott uns Zeit schenkt. Ich hab ja noch Zeit, es beim nächsten Mal besser zu machen, um Vergebung zu bitten, anderen zu vergeben, was sie mir angetan haben. Ich hab ja noch Zeit - auch als herbstlich verfärbtes Blatt am Baum, als inzwischen ältere Pfarrerin in meiner Kirche, bunt zu leuchten, und damit zur Schau zu stellen, dass dieser Baum einen neuen Frühling verdient. Kirchenvater Augustinus schrieb einmal:  „Ihr seid die Zeit. Seid Ihr gut, sind auch die Zeiten gut.“

 

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