Getragen auf Flügeln
(Pfarrerin Katharina Baumann-Schulz) Einer aktuellen Studie zufolge zögern nicht nur viele junge Leute, sondern auch ihre Eltern, wenn es um die Frage geht, wann und ob überhaupt junge Erwachsene nun aus dem Elternhaus ausziehen oder nicht. Das hat neben finanziellen Erwägungen oft ganz unterschiedliche Gründe. Aber eine Tendenz ist deutlich: Der Mai ist gekommen .., da bleibe wer Lust hat mit Sorgen zu Haus…“; diese viel besungene Reiselust haben auch heutzutage junge Erwachsene zwar im Urlaub, aber nicht im Alltag. Im Alltag gibt es viele Nesthocker.
Vielleicht können wir diesbezüglich etwas von den Vögeln lernen...: Hoch in den Bergen kann man manchmal Adler sehen – die Könige der Vögel. Ihre riesigen Flügel können zwei Meter weit sein. Ihre Horste liegen versteckt in Felsenwänden. Meist legen die Adler zwei Eier. Und wenn sie ausgebrütet sind, haben Adlervater und Adlermutter viel zu tun. Hin und her fliegen sie mit der Nahrung für die kleinen Adler. Aber dann, so haben es Vogelkundler beobachtet, passiert etwas Besonderes. Die großen Vögel bleiben weg. Sie lassen ihre Jungen allein. Nicht nur für ein paar Stunden; ganze Tage lang. Die Jungen piepen und werden immer ängstlicher. Sie haben Hunger, sind erschöpft. Werden sie sterben? Plötzlich hören sie den Flügelschlag des Vaters. Hoch über dem Nest. Sie sind nicht verloren. Und nun ist auch die Mutter wieder da. Die Jungen strecken den mageren Hals und sperren den Schnabel auf. Doch die Eltern tun etwas Unerwartetes. Sie fliegen auf das Nest zu. Und schon ist es geschehen. Sie haben die kleinen Adler aus dem Nest gestoßen. Ängstlich flattern sie mit den schwachen Flügeln. Bald haben sie keine Kraft mehr Eine Zeitlang halten sie sich in der Luft. Dann lassen ihre Flügel sie im Stich. Sie beginnen zu stürzen. Genau in diesem Augenblick fliegt rasch der Adlervater oder die Adlermutter herbei, streift den kleinen Adler von unten und die Eltern fangen die Jungen mit ihren Flügeln auf und tragen sie „auf Adelers Fittichen“ wie es in dem bekannten Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König“ heißt, sicher zurück ins Nest. So geht das nun jeden Tag ein paar Mal, bis die Jungadler stärkere Flügel haben und selber fliegen können.
Also ich lerne gleich zweierlei: Zum einen muss man als Eltern vielleicht manchmal wirklich schupsen und den eigenen Kindern etwas zutrauen, von dem man weiß, dass sie damit noch keine Erfahrung haben. Erfahrungen kann man nicht vererben, die muss ich selber machen. Und zum andern: Die Bibel hat doch recht, und es ist ein realistisches, aus der Vogelwelt entnommenes Bild, wenn z.B. Mose Gott für seine Hilfe folgendermaßen dankt:
„Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete Gott seine Fittiche aus und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln.“(5.Mose 32,11).
Zur Stelle sein, wenn die eigenen Kinder ins Straucheln geraten, nicht nur schupsen, sondern auch aufmerksam bleiben, und im Notfall unter die Arme greifen… Das könnten Eltern von den Adlern, das könnten wir von Gott lernen, der seine Kraft nicht im Voraus schenkt, aber behütetes Leben - getragen auf Flügeln.







