Kleines Wunder
(Diakon Jörg Lange) Wer in dieser Zeit früh am Tag durch den Wald geht, erlebt oft ein kleines Wunder: Noch bevor Menschen sprechen, Arbeitstage starten, Motoren anspringen, beginnt ein Konzert. Amsel, Drossel, Fink und Lerche, Meise, Nachtigall und Rotkehlchen stimmen ein in ein vielstimmiges Morgenlied. Wundervolle Natur! Für mich ist es auch eine Andacht ohne Kirchenmauern.
Der Theologe und Dichter Paul Gerhardt (1607-1676) hat diese Erfahrung in seinem Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ poetisch eingefangen: „Die Bäume stehen voller Laub, … Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.“ Darin klingt Jesu Wort aus der Bergpredigt an: „Seht die Vögel unter dem Himmel an …“ und: „Schaut die Lilien auf dem Feld“ (Matthäus 6,26 + 28).
Die Schöpfung verweist auf ihren Schöpfer. Sie ist nicht göttlich - aber sie erzählt von Gottes Schöpfer-Willen und von seiner Güte.
Und die Vogelstimmen gehören dazu: „Die Lerche schwingt sich in die Luft … die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.“
Kein Vogel singt für den Applaus. Und kein Baum fordert Bewunderung. Und doch klingt dieses Lob Gottes Tag für Tag mit erstaunlicher Verlässlichkeit.
Die Bibel kennt dieses Bild. Der Psalm-Beter fasst es in die Worte: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ (Psalm 19,2). Die ganze Schöpfung wird zum Klangraum des Lob Gottes.
Das meint nicht, dass die Welt nur idyllisch wäre. Auch im Wald gibt es Kampf ums Überleben, Trockenheit und Zerbrechlichkeit. Christlicher Glaube verklärt die Natur nicht. Aber er traut Gott zu, dass seine Treue mitten in dieser verletzlichen Welt sichtbar wird. Gerade deshalb können Vogelgesang und Morgenlicht zu Zeichen der Hoffnung werden.
Im Wald wird auch hörbar: Kein einzelner Vogel beherrscht das Konzert. Einer ruft, ein anderer antwortet. Hohe Töne, kurze Rufe, lange Melodien. Verschieden - und doch ein Ganzes. Vielleicht ist das ein gutes Bild für Kirche und Gemeinschaft: nicht Gleichklang, sondern Zusammenklang. Der Geist Gottes schafft keine Uniformität, sondern verbindet unterschiedliche Stimmen zu einem lebendigen Lob.
Und wer innehält und lauscht, spürt: Stille ist nicht leer. Sie ist voller Leben.
Vielleicht lohnt sich in diesen Tagen ein früher Spaziergang. Keine Eile, kein Handy. Nur Wald, Atem und Vogelstimmen. Und die leise Erinnerung: Gottes Schöpfung singt. Und sie lädt ein mitzusingen.
Oder mit den Worten Paul Gerhardts: „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“







